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Die Gewürznelke – Syzygium aromaticum
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Paracelsus wusste auch um die antiseptische Wirkung der Nelken, denn das Nelkenöl konnte zur Bierkonservierung genutzt werden. Das über Jahrhunderte in Europa in Künstler- und Gelehrtenkreisen als Schlaf- und Allheilmittel sehr geschätzte „Laudanum“ hat seinen Ursprung bei Paracelsus. Ein Bestandteil seines Laudanumrezeptes war erstaunlicherweise die Gewürznelke. Von Agricola, Goethe, Novalis bis hin zu Edgar Allen Poe zieht sich der Reigen der Anwender. Durch diese psychoaktive Mischung schuf Paracelsus ein Arzneimittel, das sich nach seinem Tod zu einer „Marke“ entwickelte und indirekt die Kulturgeschichte beeinflusste.

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Mit dem Feuer der Sonne und Vulkane

Auf Höhe des Äquators, wo der Westmonsun die starken Regenfälle bringt und die Luftfeuchtigkeit auch 100% erreichen kann, wo sich auf vulkanischen Inseln asiatische Pflanzenwelten mit australischen mischen, wo die Heimat des Orang-Utans ist und wo kleine, palmenbewachsene Inselgruppen sich zwischen Java und Papua-Neuguinea in der Molukkensee verstecken, befindet sich die Heimat des Gewürznelkenbaumes. Sumatra, Sulawesi, Bali … exotische Inseln, die in unserer europäischen Fantasie zum Ziel für unser Fernweh werden, Orte unserer Kindheitsträume; die fremde Ferne, wo sich die Wasser des Atlantiks mit den pazifischen Gewässern mischen. Sengende Hitze, Regenzeiten, Vulkane und die Wasser des Stillen Ozeans prägen das Leben der Pflanzen- und Tierwelt Indonesiens. Viele exotische Gewürzpflanzen gedeihen in den tropischen Wäldern dieser Breiten: der Nelkenbaum, die Muskatnuss, der immergrüne Zimtbaum, Kurkuma oder Kardamom. Gewürze, die die kalten Wintertage mit tropischer Wärme erfüllen, und den Duft der Weihnachtszeit mitbestimmen. Denn nicht nur der wärmende Aspekt dieser Gewürze ist in der kalten Jahreszeit vonnöten, auch ihre verdauungsfördernden Eigenschaften werden in Zeiten von Stollen und Gänsebraten gern in Anspruch genommen.

Zwei Nelkenknospen in der Staatsflagge

Das Wissen um die antibakteriellen, appetitanregenden und verdauungsfördernden Eigenschaften war sicherlich schon im kaiserlichen China vor 2500 Jahren bekannt. Ein Handel zwischen der Molukkeninsel Ternate und dem alten China lässt sich nachweisen. So nutzten die Chinesen die Nelken sowohl zum Würzen der Speisen als auch zur Verbesserung der Raumluft. Jedoch wer sich einer Audienz beim Kaiser erfreute, musste vorher eine Nelke kauen. Offenbar spielte das Thema Mundgeruch schon damals eine Rolle.

Bei Ausgrabungen wurden in Ägypten neben anderen Gewürzen auch Nelken in alten Mumiensärgen gefunden. Standen doch die antiken Völker in umfassenden Handelsbeziehungen zueinander, so dass eine frühe Verbreitung und Nutzung im Mittelmeerraum sehr wahrscheinlich ist.

Malaiische Schiffer brachten Gewürznelken und Muskatnüsse von den Molukken nach Ceylon, wo die Ware arabische Händler übernahmen. Über Karawanenwege wie z.B. die legendäre Weihrauchstraße gelangten die Gewürze nach Konstantinopel und an den römischen Kaiserhof. Konstantin der Große, der von 306 bis 377 römischer Kaiser war, überreichte Papst Sylvester I. nachweislich Gewürznelken.

Im Mittelalter boomte die Nachfrage nach Nelken und Muskatnuss geradezu, denn diese Gewürze boten den nicht gerade verwöhnten mittelalterlichen Geschmacksnerven neue Erlebnisse. Hildegard von Bingen (1098-1179) rühmt die Heilkraft der Gewürznelke in ihrer „Physika“. Jedoch waren sie so teuer, dass sie für die einfachen Menschen als Gewürz unerschwinglich schienen. Als Medizin wurden sie hoch gepriesen und wie andere aromatische Heilpflanzen auch zum Schutz vor Ansteckung in Zeiten großer Pestepidemien gekaut oder als Kette aufgefädelt um den Hals gehängt.

Der Beginn der Neuzeit hob die sagenhaften Gewürzinseln aus dem Schleier der unbekannten Welt. 1511 besetzten die Portugiesen auf der Suche nach neuen Seewegen die Molukken. Fortan nannte sich der portugiesische König auch „Herr des indischen Handels“. Doch sein Glück währte nicht lang, denn ein blutiger Gewürzkrieg entbrannte. Holländer eroberten die Inseln und erlaubten den Anbau von Nelken, Muskat und Zimt nur auf Inseln, die sie total kontrollierten. Mit der Todesstrafe auf Ausfuhr von Früchten und Setzlingen und der Vernichtung anderer Plantagen außerhalb ihres Herrschaftsbereiches versuchten die Holländer ihr Monopol und enorme Profite zu sichern. Doch die gestrengen Handelsherren hatten die Rechnung ohne die wilden Tauben gemacht, die auf den Inseln lebten. Diese hinterließen bei Ausflügen auf Nachbarinseln immer wieder keimfähige Samen. 1769 gelang es Franzosen, junge Pflanzen von den streng bewachten Molukken auszuführen und auf den französischen Inseln im Indischen Ozean (heute Réunion und Mauritius) anzusiedeln. Das Ende der Herrschaft der niederländischen Ost-Indien-Kompanie brachten die Engländer zum Ende des 18. Jahrhunderts, die ihre Herrschaft auf dem indonesischen Archipel errichteten.
Mit französischer Hilfe verbreitete sich der Anbau von Zimt, Muskat und Nelken. Letztere wurden besonders vor der ostafrikanischen Küste auf der Insel Sansibar eingeführt. Diese Insel stand unter deutscher Schutzherrschaft und intensivierte seit 1830 den Nelkenanbau. Mit dem Helgoland-Sansibar-Vertrag trat 1890 das Deutsche Reich das Protektorat über Sansibar an Großbritannien ab und erhielt dafür Helgoland als wichtigen Stützpunkt zur Verteidigung der Nordseeküste. So tauschte Deutschland die paradiesische Nelkeninsel im Indischen Ozean, die es angesichts des Versailler Vertrages 1918 sowieso verloren hätte, gegen die karge und raue Nordseeinsel. Sansibar ist noch heute der weltweit größte Nelkenexporteur. Besonders die zu Sansibar gehörige Insel Pemba ist mit Nelkenhainen bedeckt, die zur Zeit der Ernte den aromatischen Duft verströmen. Nach Erlangung der Unabhängigkeit von Großbritannien 1963 zierten zwei Nelken die Staatsflagge des Sultanats Sansibar. Dies änderte sich schon 1964 durch die Revolution und die Vertreibung des Sultans.