Wegwarte – heilend, schmackhaft & bienenfreundlich (Langfassung)

Die Wegwarte (Cichorium intybus) wurde durch eine Jury des Vereins NHV Theophrastus (NHV) zur Heilpflanze des Jahres 2020 gekürt. „Die Wegwarte punktet zunächst sichtbar durch ihr wunderschönes Himmelblau“, sagt Konrad Jungnickel, der Erste Vorsitzende des Vereins. „Bedeutsam ist, dass die Pflanze durch ihren wirklich zähen Überlebenswillen auch an Extremstandorten gedeiht. Diese Energie spiegelt sich in ihrer Wirkung wieder.“
Der Verein NHV Theophrastus kürt seit 2003 die „Heilpflanze des Jahres“, um das Interesse der Bevölkerung für traditionelle Heilweisen zu stärken und damit die Gleichberechtigung der Naturheilkunde neben der wissenschaftlichen Medizin zu fördern.

 

Anwendung
Überlieferte Nutzung
Gesunde Alternative in Notzeiten
Salatsorten
Brauchtum und Volksglauben
Zuhause an extremen Standorten
Mehr als nur Unkraut
 
Der Verein NHV Theophrastus kürt seit 2003 die „Heilpflanze des Jahres“, um das Interesse der Bevölkerung für traditionelle Heilweisen zu stärken und damit die Gleichberechtigung der Naturheilkunde neben der wissenschaftlichen Medizin zu fördern.
 
Anwendung
Die Wegwartenwurzel ist als Traditionelles Arzneimittel zugelassen bei leichten Verdauungsbeschwerden und zeitweisem Appetitmangel. Der Tee wird durch den relativ geringen Bitterwert von 800 (Wermut 15 000) auch von Kindern akzeptiert. In der Erfahrungsheilkunde werden Wurzel und Kraut außerdem bei Schwächezuständen und bei Hautproblemen angewendet. Des Weiteren ist die Wegwarte ein bewährtes Mittel für eine entgiftende Frühjahrskur. Ihr häufiger Standort an stark befahrenen Straßen und ihre Fähigkeit, dort der Erde Metalle zu entziehen, ist Hinweis auf die Entgiftungswirkung für Schwermetalle. „In dieser Pflanze steckt mehr gesundheitsförderndes Potential, als heute allgemein bekannt ist und veröffentlicht wurde“ fasst Jungnickel zusammen, „und wir hoffen, dass die medizinische Forschung sich in Zukunft mit weiteren Studien der Blauwarte widmet.“  
 
Überlieferte Nutzung 
Bereits in der Zeit vor Christus wurde die Wegwarte als Gemüse gebraucht. Hippokrates (460 - 370 v. Chr.) bezeichnete die Pflanze als kühlend. Später empfahl Plinius d. Ä. (24 – 79 n. Chr.) sie außerdem bei Blasen-, Leber- und Nierenbeschwerden. 
Hildegard von Bingen (1098 - 1148) verordnete sie samt großer Klette, Salz und Honig, damit „… der Betroffene seine Verdauung zur rechten Zeit haben wird …“. 
Paracelsus (1493 - 1541) benutzte die Wegwarte zur Entgiftung und zur Behandlung der Lepra, wobei er sie u. a. mit Melisse und Wacholder kombinierte. 
Adam Lonitzer (1528 - 1586) empfahl die Pflanze gegen die Gicht und Sebastian Kneipp (1821 - 1897) verordnete Auflagen bei schmerzhaften Entzündungen. 
Über die Jahrhunderte haben sich viele volkstümliche Namen entwickelt, die sich meist auf ihre Eigenschaften beziehen, so z. B.: Blauwarte, Kaffeekraut, Sonnenbraut, Sunnenwirbel, Faule Magd (kurze Blühzeit), Hindläufte (wo die Hindin = Hirschkuh läuft) oder Hansel am Weg.
 
Gesunde Alternative in Notzeiten
Im 18. Jahrhundert wurde entdeckt, dass die geröstete Wurzel der Wegwarte Ersatz für den teuren Bohnenkaffee bot. Friedrich der Große (1712 -1786) förderte den Anbau der Pflanze. Noch größere Bedeutung erlangte der Kaffeeersatz durch Napoleon, als er 1806 die Kontinentalsperre verhängte und damit einen Mangel an Lebens- und Genussmitteln auslöste. Als Verballhornung vom französischen „Mocca faux“ (= falscher Kaffee) etablierte sich bald der Name „Muckefuck“.
Die gesunde Kaffee-Alternative kann man auch selbst herstellen: Die Wurzel der Wegwarte wird gereinigt, kleingeschnitten und getrocknet. In einer Pfanne ohne Fett geröstet, zu Pulver gemahlen, aufgebrüht und abgegossen, hat sie einen dem Kaffee ähnlichen Geschmack. 
 
Salatsorten
Aus Züchtungen sind verschiedene Salatsorten hervorgegangen: z. B. Radicchio, Fleischkraut (= Zuckerhut) und Kapuzinerbart. Chicorée war eine überraschende Entdeckung belgischer Bauern, als sie nach einer ertragreichen Wurzel-Ernte die übriggebliebenen wieder in Erde einschlugen. Nach ein paar Wochen im Dunkeln hatten sie schmackhafte helle Blätter hervorgebracht. Im industriellen Anbau wird die Wurzel nur einmal beerntet, während Hobbyanbauer ihr Glück bei entsprechend dicken Wurzeln auch mit einem erneuten zweiten und dritten Austrieb versuchen können. 
 
Brauchtum und Volksglauben 
Die Wegwarte ist das Symbol treuer Liebe in Verbindung mit meist vergeblichem Warten. In zahlreichen Legenden steht die Pflanze als verzauberte Jungfrau mit blauen Augen am Wegesrand und hofft auf die Wiederkehr ihres Geliebten. Im Christentum symbolisiert die bittere Wegwarte die Passion Christi. 
In Zeiten, in denen Glaube und Aberglaube Überzeugung waren, gute und böse Magie nebeneinander standen, besaß auch die Wegwarte mit ihrer Ausstrahlungskraft Bedeutung für den Zauberglauben. Sie sollte nicht nur hieb-, stichfest und unsichtbar machen, sondern auch jungen Mädchen im Traum den künftigen Ehemann zeigen und einem Bestohlenen den Dieb. Wer am 29. Juni, dem Petrustag, die Pflanze mit einem Hirschgeweih ausgrub, könne jede Person betören, die er mit der Blume berührt. Besondere Kraft wurde der seltenen weißen Wegwarte zugeschrieben. Gebärende legten diese Wurzel unter, um die Geburt zu erleichtern.
 
Zu Hause an extremen Standorten
Die Pflanzen gedeihen an Mauern, Zäunen, Bahndämmen, auf Schutthalden und Mülldeponien, an Wegrändern und Straßen. 
Der mehrjährige, krautige Korbblütler mit seiner langen Pfahlwurzel liebt trockenen Boden. Im ersten Jahr wächst eine bodenständige Blattrosette mit schrotsägeähnlichen Blättern, die leicht mit dem Löwenzahn zu verwechseln ist. Erst ab dem zweiten Jahr treibt ein bis zwei Meter hoher verzweigter Stängel, der einen Milchsaft enthält und himmelblaue etwa drei Zentimeter große Blüten trägt. Charakteristisch für die Blütenblätter sind die Außenränder mit je fünf Spitzen. Blühzeit ist Juni bis Oktober, wobei das Leben jeder Einzelblüte nur etwa 6 Stunden dauert. Sind die Blüten verwelkt, ist die Pflanze unscheinbar und hebt sich kaum noch vor ihrem Hintergrund ab. Dadurch wurde schon mancher irritiert, der die Pflanze am Morgen auf dem Weg zur Arbeit am Straßenrand bewunderte, während sie abends auf der Rückfahrt einfach nicht mehr zu sehen war.
 
Mehr als nur Unkraut
Heilmittel, Salat oder einfach nur Schönheit – Nutzen bringt die Wegwarte in jeder Form den Menschen, ihren Gärten und der Umwelt. Denn besonders Wildbienen naschen gern an den blauen Blüten und die Samen bereichern im Herbst die Speisekarte von Stieglitzen.
 
Im Jahr 2020 wird der NHV Theophrastus Weiteres rund um die Wegwarte auf der Internetseite  HYPERLINK "http://www.nhv-theophrastus.de" www.nhv-theophrastus.de und in einer Broschüre veröffentlichen.
 
 
Maria Vogel, Dipl.-Ing. (FH) Pharmazie
NHV Theophrastus, Oktober 2019
 
Quellen (Auswahl):
Bäumler, Siegfried: Heilpflanzenpraxis heute, Sonderausgabe der 1. Auflage, Elsevier Urban & Fischer Verlag, München 2007 
Marzell, Heinrich: Geschichte und Volkskunde der deutschen Heilpflanzen, Nachdruck der 2. verm. und verb. Aufl., Reichl Verlag 2002
Peter, K.: Wegwarte (oder Zichorie) aus besser leben 6+7/2010, Sabine Hinz Verlag, Kirchheim 2010 ,   HYPERLINK "http://www.kent-depesche.com" www.kent-depesche.com
Rippe, O.: Signaturen entgiftender Heilkräuter,   HYPERLINK "https://www.natura-naturans.de/phytotherapie/signaturen-entgiftender-heilkraeuter/" https://www.natura-naturans.de/phytotherapie/signaturen-entgiftender-heilkraeuter/, 19. August 2019
Rippe, O.; Madejsky, M.: Die Kräuterkunde des Paracelsus, AT Verlag, Aarau 2006
Schilcher, Heinz (Hrsg.): Leitfaden Phytotherapie, 5. Auflage, Urban & Fischer Verlag im Elsevier GmbH, München 2016
Springer, W.: Die blaue Blume, Von der Schwester des Kaffees, der Zichorie und ihrer Industrie, Berlin-Halensee 1940