Heilpflanze des Jahres 2021: Meerrettich - Exkurs

Wie der Meerrettich zu seinem Namen kam, lässt sich nicht eindeutig nachvollziehen. Bekannt sind heute zum einen die Ableitung nach seiner Herkunft und zum anderen die nach seiner Wirkung. Viel interessanter und bedeutungsvoller aber ist, dass die Inhaltsstoffe des Meerrettichs Bakterien und Viren bekämpfen und entzündungshemmend wirken. Diese seit dem 12. Jahrhundert bekannten Heileigenschaften werden durch wissenschaftliche Untersuchungen in den letzten Jahrzehnten bestätigt.
 
Artikel von Dr. Dr. Erwin Häringer, Arzt für Naturheilkunde und Allgemeinmedizin
 
 
Botanik 
Namenswirrwarr – „Pferderettich“ oder „übers Meer zu uns gekommen“?
Arzneilich verwendete Pflanzenteile und Inhaltsstoffe
Das pflanzliche Antibiotikum aus dem Garten
Wirksam bei Erkältungskrankheiten und Blasenentzündungen – bekämpft Bakterien und Viren, wirkt entzündungshemmend und antiadhäsiv
Anwendungsformen aus der Erfahrungsmedizin
 
Botanik 
Eine beeindruckende Wuchsform zeichnet den Meerrettich aus: Die Pflanze erreicht eine Höhe von bis zu 1,5 m, der Stängel steht aufrecht und ist innen hohl, die Blätter werden bis zu 60 cm lang und 20 cm breit. Der Meerrettich gehört, wie Rettich, Senf, Kapuzinerkresse und Kohl, zu den Kreuzblütlern (Brassicaceae). Die zwischen Mai und Juli in den Blattachseln erscheinenden, traubenartig angeordneten Blüten haben einen herrlichen Geruch. In Deutschland wird Meerrettich u. a. in Baden, Franken sowie im Spreewald angebaut. Auch in anderen mitteleuropäischen Ländern und sogar in China oder auch Südafrika wird die Heilpflanze kultiviert. Der Meerrettichanbau in Nordamerika geht auf im Spreewald geerntete und in Kisten und Fässern verschiffte Pflanzen zurück.
 
Namenswirrwarr – „Pferderettich“ oder „übers Meer zu uns gekommen“?
Unklar ist, worauf der deutsche Name des Meerrettichs zurückzuführen ist. In der Literatur finden sich einerseits Hinweise, dass „Meer“ im deutschen Namen „Meerrettich“ auf die fremde Herkunft („über das Meer zu uns gekommen“) hindeutet. Andere proklamieren, die richtige Schreibweise sei „Mährrettich“ (Mähre bezeichnete ursprünglich ein weibliches Pferd, das heute Stute genannt wird) oder „Pferderettich“ (analog zum englischen Namen „horseradish“). Diese Bezeichnung liefert bereits Hinweise auf die antiinfektive Wirkung der Pflanze. Denn man konnte beobachten, dass Pferde bei Infektionskrankheiten instinktiv besonders große Mengen an Meerrettichwurzeln verzehrten, wenn man ihnen diese als Futter angeboten hatte. Auch die bei Pferden weit verbreiteten entzündlichen Huferkrankungen hat man bereits vor Jahrhunderten mit einer „Paste“ aus zerriebener, frischer Meerrettichwurzel behandelt[1,2]. 
 
Arzneilich verwendete Pflanzenteile und Inhaltsstoffe
Die wirksamkeitsbestimmenden, zu medizinischen Zwecken genutzten Inhaltsstoffe des Meerrettichs, v. a. die Senföle, stecken nicht in der Staude, sondern in den bis zu 50 cm langen und etwa 6 cm dicken Wurzeln (Armoraciae radix). Sie sind bei kultivierten Pflanzen dick und fleischig. Neben den Senfölen enthält die Wurzel die Vitamine B1, B2, B6, viel Vitamin C sowie die Mineralstoffe Kalzium, Eisen, Kalium, Magnesium und Phosphor. Aufgrund seines hohen Vitamin-C-Gehalts und seiner langen Haltbarkeit wurde Meerrettich früher auf längeren Seefahrten gegen Skorbut verwendet.
 
Das pflanzliche Antibiotikum aus dem Garten 
Seit dem 12. Jahrhundert ist Armoracia rusticana als Heilpflanze bekannt und wurde gegen Gelbsucht, Erkrankungen der Atemwege und Skorbut eingesetzt. Neben seiner heilenden Wirkung durch den Verzehr wurden dem Meerrettich im Mittelalter sogar Heilkräfte nachgesagt, wenn er in Scheibenform als Kette um den Hals getragen wurde. Früh erkannte man auch die antiinfektiven Eigenschaften der Senföle aus dem Meerrettich. Der Meerrettich wird daher auch als „pflanzliches Antibiotikum“ oder „Penicillin aus dem Garten“ bezeichnet. Diese Erkenntnisse wurden durch zahlreiche Studien in den letzten Jahrzehnten wissenschaftlich untermauert.
 
Wirksam bei Erkältungskrankheiten und Blasenentzündungen – bekämpft Bakterien und Viren, wirkt entzündungshemmend und antiadhäsiv 
So werden Senföle bereits seit Jahrzehnten erfolgreich in der Therapie von akuten und häufig wiederkehrenden Infektionen der Atemwege und der ableitenden Harnwege eingesetzt. Senföle sind sekundäre Pflanzenstoffe, die Pflanzen zu ihrem eigenen Schutz, zum Beispiel vor Fraßschäden oder als Abwehr gegen Mikroorganismen produzieren. Ein wesentlicher Vorteil der in Meerrettich enthaltenen Senföle ist ihr breit gefächertes Wirkspektrum: Die Pflanzenstoffe bekämpfen Bakterien und Viren und wirken zugleich entzündungshemmend und antiadhäsiv.
 
Zahlreiche Studien an deutschen[3-6] und internationalen[7-13] Universitäten liefern Belege für die antibakterielle Wirkung des Meerrettichs, darunter auch sogenannte multiresistente Bakterien, gegen die Antibiotika immer häufiger wirkungslos sind[5-6]. Die Pflanzenstoffe wirken auch gegen sogenannte bakterielle Biofilme[14-17]. Einen solchen „Schutzschild“ bilden manche Bakterien aus, um sich gegen äußere Einflüsse, wie zum Beispiel Antibiotika oder das Immunsystem, zu wehren. In der für Ärzte wichtigen Behandlungsleitlinie „unkomplizierte Harnwegsinfektionen“ wird Meerrettich konsequenterweise auch als phytotherapeutische Option bei häufig wiederkehrenden Infektionen der Harnwege empfohlen[18]. 
 
Hinsichtlich der antiviralen Wirkung haben bereits wissenschaftliche Untersuchungen aus den 50er Jahren gezeigt, dass die Senföle die Vermehrung von Influenza-Viren wirkungsvoll hemmen können[19,20]. An der Universität Gießen wurden diese Untersuchungen in den letzten Jahren nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft wiederaufgenommen und ausgeweitet. Die dort untersuchten Senföle aus einer Pflanzenkombination mit Meerrettich konnten die Vermehrung des Grippevirus H1N1 in menschlichen Lungenzellkulturen um nahezu 100% hemmen[21]. Darüber hinaus bekämpfen die Pflanzenstoffe auch die häufigsten Erkältungsviren[21]. Weitere Untersuchungen sind von großem Interesse und wurden bereits begonnen.
 
Weitere Laboruntersuchungen bestätigen zudem die entzündungshemmende Wirkung der Senföle[22-27]. Da bei Erkältungskrankheiten und Blasenentzündungen die Beschwerden durch den Entzündungsprozess verursacht werden, kommt dieser Eigenschaft hier eine besondere Bedeutung zu. An der Universität Freiburg konnte zudem der Nachweis erbracht werden, dass im Meerrettich, neben den bereits bekannten Senfölen, noch weitere antientzündlich wirksame Substanzen enthalten sind[28]. Die Pflanzensubstanzen wirken außerdem antiadhäsiv[29], d. h. sie verhindern, dass sich Bakterien an die Harnblaseninnenwand anheften und in diese eindringen, was häufig wiederkehrende Blasenentzündungen zur Folge haben kann.
 
Im Hinblick auf die zunehmende Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen ist des Weiteren von besonderer Relevanz, dass bei Bakterien die Entwicklung möglicher Resistenzmechanismen gegen die Senföle auf Grund der vielfältigen Wirkansätze dieser Pflanzenstoffe deutlich erschwert wird[7,11]. 
 
Die Wirkung und Sicherheit der Senföle ist durch Untersuchungen sowie klinische Studien belegt, auch bei häufig wiederkehrenden Blasenentzündungen und Erkältungskrankheiten[30-33]. Ein weiterer Pluspunkt: Die Therapie mit den Senfölen ist besonders gut verträglich. Die Pflanzenstoffe werden früh und komplett im oberen Dünndarm resorbiert, die körpereigene Darmflora wird daher nicht beeinträchtigt. Die Senföle aus der Meerrettichwurzel sind kombiniert mit Kapuzinerkresse in hoch konzentrierter Form als pflanzliches Arzneimittel in Apotheken erhältlich. Zwei Untersuchungen der Universität Freiburg belegen, dass sich durch die Kombination dieser beiden Pflanzen ein breites Spektrum therapeutisch relevanter Wirkstoffe ergibt, die sich in ihrer Wirkung zum Teil noch gegenseitig verstärken[5,6].
 
Anwendungsformen aus der Erfahrungsmedizin
Bei Blasenentzündung und Atemwegsbeschwerden kann die frische Wurzel, fein gerieben (10–15 g), mit der gleichen Menge Honig oder Joghurt versetzt werden; davon 3 mal täglich einen Teelöffel einnehmen. 
Gemäß Hildegard von Bingen ist bei Kurzatmigkeit, Atemnot und Bronchitis eine Meerrettich-Galgant-Mischung empfehlenswert: Wenn der Meerrettich grün ist, soll man ihn in der Sonne trocknen und eine gleich große Menge gepulverten Galgant beimischen. Täglich vor dem Zu-Bett-Gehen einen Teelöffel von dem Mus essen.
Zur äußerlichen Anwendung bei entzündlichen Erkrankungen des Atmungssystems ist eine Salbe (Meerrettich-Urtinktur 10%, 2- bis 3-mal täglich auftragen) erhältlich. 
Auch ein Umschlag (Kataplasma) aus geriebener Meerrettichwurzel ist ein hilfreiches Hausmittel. Leintuch auf die schmerzende Stelle z. B. bei Muskelschmerzen bzw. bei Atemwegserkrankungen auf die Brust auflegen und den frisch geriebenen Meerrettich darauf ausbreiten. Die Auflage abdecken. Nicht länger als 5–10 Min. einwirken lassen. Hautkontakt ist zu vermeiden, da Hautrötungen auftreten können. 
Neben den bereits beschriebenen Einsatzbereichen ist auch die Anwendung bei Magen-Darm-Erkrankungen beschrieben. Bei Verstopfung kann man z. B. 1/2 Teelöffel geriebenen Meerrettich in warmer Milch einnehmen.
 
Dr. Dr. Erwin Häringer, Arzt für Naturheilkunde und Allgemeinmedizin
 
Literatur
 
Online-Arzneipflanzenlexikon der Kooperation Phytopharmaka.
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Winter A.G. Antibiotische Therapie mit Arzneipflanzen, Planta Medica 3 (1955)
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